 |
BeetleFun |
 |
Benutzer in diesem Forum: Keine |
|
 |
Die BeetleFan Spendenaktion - "Eine Chance für die Strassenkinder von Puebla" |
 |
| 05.11.03 »Nur noch weg von der Straße« |
Sorgfältig kehrt Pedro auf dem Fußballfeld mit einem Rechen welke Blätter zu einem Haufen zusammen. Es macht ihm sichtlich Mühe, mit dem viel zu großen Gerät zu hantieren. Pedro und drei weitere Jungen sind heute zum Kehren eingeteilt, eine Aufgabe, die ihm nicht viel Spaß macht. Die Jungen sind ehemalige Straßenkinder, die im Projekt »Ipoderac« ein neues Zuhause gefunden haben. »Wir haben in einem Vorort von Mexiko-Stadt gewohnt. Mein Vater hat uns immer verprügelt, bis mein Bruder und ich eines Tages abgehauen sind«, erzählt er unvermittelt, und es scheint fast, als ob ihm die Arbeit dadurch leichter fiele.
Pedro und sein ein Jahr jüngerer Bruder leben seit vier Monaten in Ipoderac. Das Projekt liegt in der Nähe von Puebla. Es nimmt ehemalige Straßenkinder auf, aber auch Jugendliche, für die ein hohes Risiko besteht, auf der Straße zu enden. 72 Jungen zwischen sechs und 18 Jahren finden hier Platz. Auf dem neun Hektar großen Gelände befinden sich eine Ziegenherde mit Aufzuchtstation, eine Käserei, Gemüsefelder, eine Tischlerei und eine Seifenmanufaktur. Die Produkte werden verkauft und tragen einen großen Teil dazu bei, das wirtschaftliche Überleben des Projektes zu sichern. Zusätzlich erhält Ipoderac seit drei Jahren finanzielle Unterstützung durch die vom Volkswagen-Konzernbetriebsrat ins Leben gerufene Aktion »Eine Stunde für die Zukunft«.
Arbeit als Gegenleistung
Auf dem Gelände sind sechs Häuser, auf die sich die Jungen ihrem Alter entsprechend verteilen. Morgens gehen sie in den umliegenden Dörfern zur Schule. Nachmittags werden sie zu Arbeiten in den Werkstätten eingeteilt. »Als ich mir Ipoderac angesehen habe, war es vormittags, da waren alle in der Schule«, erzählt Pedro mit einem breiten Grinsen, »deswegen wusste ich nicht, dass wir nachmittags arbeiten müssen. Anfangs fand ich es schlimm, aber man gewöhnt sich daran.« Die Jüngeren arbeiten eine Stunde, die Älteren maximal drei, wobei die Tätigkeiten stets dem Alter angemessen sind. Patricia arbeitet seit drei Jahren in Ipoderac. Sie weiß, dass es vor allem anfangs schwer ist, ihnen den Sinn der nachmittäglichen Arbeit zu vermitteln: »Viele kommen mit der Auffassung her, dass die Gesellschaft ihnen Unrecht getan habe und ihnen etwas schulde. Davon müssen wir sie abbringen, denn wenn sie hier wieder herauskommen, werden sie mit dieser Einstellung scheitern. Es ist ein wichtiger Teil des Konzeptes von Ipoderac, dass sie für die Leistung, die sie erhalten, auch eine Gegenleistung erbringen. Dieses Bewusstsein wollen wir in ihnen wecken.«
Nachmittags werden die Jungen zu Arbeiten eingeteilt
Die Jungen leben freiwillig in Ipoderac. Pedro könnte jederzeit wieder gehen. Das Tor ist nicht abgesperrt, und zur Schule gehen die Jungen ohne Aufsicht. Doch er hat sich bewusst dafür entschieden, die Straße zu verlassen. »Zuerst wollte ich nur weg von zu Hause. Nach fast einem Jahr wollte ich nur noch weg von der Straße.« Vielleicht auch wegen seines Bruders. Wenn er von ihm spricht, lässt Pedro keinen Zweifel daran, dass er sich für ihn verantwortlich fühlt. Pedro ist zehn, sieht aber jünger aus. Auf der Straße ist das von Vorteil. Solange die Straßenkinder jünger sind, haben sie es auf der Straße einfacher, da sie bei den Erwachsenen Mitleid erwecken. »Geschlafen haben wir meistens in U-Bahn-Tunneln. Eines Tages haben wir am Busbahnhof einen älteren Señor kennen gelernt. Bei ihm haben wir eine Weile gewohnt, bis uns die Behörden angeboten haben, nach Ipoderac zu kommen.« Patricia erklärt, dass es oft vorkomme, dass jüngere Kinder auf Bahnhöfen oder Märkten als Laufburschen oder Nachtwächter beschäftigt werden. »Manchmal dürfen sie auch bei ihren Arbeitgebern wohnen. Das muss nicht mit sexuellem Missbrauch zu tun haben. Jüngere bekommen einfach mehr Unterstützung.«
Die Älteren stoßen auf Ablehnung
Anders die Älteren: Sie werden von den Erwachsenen als Erwachsene wahrgenommen und stoßen in der Regel auf Ablehnung. Raul ist 15 Jahre alt und groß gewachsen. »Als ich elf war, ging ich von meiner Familie weg. Zu Hause war es nicht gut, auf der Straße war es besser. Aber nur in der ersten Zeit«, meint er kurz angebunden. Raul arbeitet in der Seifenwerkstatt. Die Jungen sitzen an einem langen Tisch und zerhacken Seifenreste, aus denen sie wieder ganze Seifen machen. Links und rechts an den Wänden türmen sich Seifenblöcke der unterschiedlichsten Duftnoten. »Kaffee soll unsere neueste Kreation werden, aber es will nicht so recht klappen«, erklärt Raul. »Der Geruch ist noch zu schwach. Aber das kriegen wir schon hin.« Raul war vorher in der Casa Juconi, einem anderen Straßenkinderprojekt in Puebla, das ebenfalls vom Volkswagen-Konzernbetriebsrat unterstützt wird. Dort hat er die Mittelschule abgeschlossen. Seit acht Monaten ist er in Ipoderac. »Hier werde ich meinen Oberschulabschluss machen und danach alles daran setzen, zu studieren.« Er wirft ein paar deutsche Wörter ein, die er sich beigebracht hat. »Am liebsten möchte ich Sprachen studieren. Ich will Deutsch und Englisch lernen, vielleicht auch Französisch.«
Auf saubere Kleidung wird geachtet: Die Jungen waschen täglich ihre Schuluniformen
Es gibt kaum jemanden, zu dem Raul über seine Vergangenheit spricht. Patricia ist seine Vertraute und kennt seine Geschichte: »Wir vermuteten, dass sexueller Missbrauch vom Vater vorliegt. Aber das hat sich noch nicht bestätigt.« Auf der Straße habe Raul sich als Prostituierter verdingt. Das könne eine Zeit lang funktionieren, allerdings nur, solange die Kinder ein gewisses Alter nicht überschritten haben. »Hier liegt auch der Grund, warum wir keine Mädchen aufnehmen. Bei Jungen ist Prostitution die Ausnahme, bei Mädchen sind sexueller Missbrauch und Prostitution die Regel. Das macht eine intensivere psychologische Betreuung nötig, wofür Ipoderac die Mittel fehlen.«
Drogen betäuben den Hunger
Wenn Neuankömmlinge nach Ipoderac kommen, geht es zunächst darum, sie von ihrem Drogenkonsum zu befreien. Fast alle Straßenkinder schnüffeln Klebstoff – als Schlafmittel oder um den Hunger zu betäuben. Sobald sie regelmäßige Mahlzeiten bekommen, benötigen sie die Drogen nicht mehr. Das ist auch eine Voraussetzung, um sie an den eigenverantwortlichen Umgang mit Geld heranzuführen. Die Jungen bekommen für ihre Arbeit Lohn. Der größte Teil geht direkt auf ein Sparkonto und dient zum Kauf von Schuluniformen und Unterrichtsmaterialien. Den anderen Teil erhalten sie in bar. So können sie den Umgang mit Geld lernen, und die Älteren können ab und zu im nahen Dorf ausgehen, ohne dass befürchtet werden muss, dass sie sich für ihr Geld Drogen kaufen.
Insgesamt klappt die Integration der Jugendlichen in das soziale Umfeld außerhalb Ipoderacs gut. Die Einrichtung ist bekannt, die Jugendlichen sind akzeptiert. In der Schule hat niemand allein deswegen Probleme, weil er aus Ipoderac ist. Es gibt Jungen, die durch ihr Verhalten aus dem Rahmen fallen. Doch das fällt in der Regel nicht auf die Institution zurück, denn ihre Schulkameraden an den staatlichen Schulen in den Dörfern kommen aus der gleichen sozialen Schicht, haben oft ebenso zerrüttete familiäre Verhältnisse und zeigen ähnliche Verhaltensmuster – oft fehlt nicht viel, und sie würden wie Raul und Pedro auf der Straße landen.
Die Straße ist eine Sackgasse, aus der die Wenigsten ohne Hilfe wieder herausfinden. Genau hier setzt Ipoderac an: Es zeigt den Jungen Alternativen zum Leben auf der Straße auf. Mit Ausbildung, Betreuung und Therapie bietet Ipoderac handfeste Unterstützung an, einen neuen Weg zu beschreiten. Raul und Pedro haben den ersten Schritt gemacht.
Athanasios Melissis |
 |
|
 |
|