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Die BeetleFan Spendenaktion - "Eine Chance für die Strassenkinder von Puebla" |
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| 13.05.05 Ricardos Rückkehr |
Volkswagen-Belegschaft hilft Straßenkindern in Mexiko
Vielleicht trieb ihn der Hunger. Vielleicht war es auch die bunte Verlockung in den Supermarktregalen, der Ricardo nicht widerstehen konnte; für die er zum Dieb wurde. Als er das zweite Mal mit geklauten Lebensmitteln erwischt wurde, nahm das Verhängnis seinen Lauf. Der damals Zwölfjährige kam in eine Jugenderziehungsanstalt. Das allein hätte ihn womöglich nicht aus der Bahn geworfen. Doch in der Anstalt wurde Ricardo von den Wärtern sexuell missbraucht, immer wieder. Als er nach fast einem Jahr wieder freikam, traute er sich nicht mehr nach Hause – aus Scham und aus Angst, zurückgewiesen zu werden. Er blieb auf der Straße. Ricardo hätte klauen können, um zu überleben. Doch er wollte nie wieder ins Gefängnis – er fing an, sich zu prostituieren. Der Klebstoff, den er schnüffelte, half, zu vergessen. Bis zu dem Tag, als ihn die Streetworker ansprachen und in der Casa Juconi, einem Haus für Straßenkinder, unterbrachten.
»Das hat dir doch gefallen!«
Das Projekt Juconi, das von terre des hommes und der Initiative »Eine Stunde für die Zukunft« des Volkswagen-Konzernbetriebsrates unterstützt wird, kümmert sich um Kinder auf der Straße. Der Schwerpunkt liegt auf präventiven Maßnahmen für Kinder, die gefährdet sind, ihr Zuhause zu verlassen, um auf der Straße zu leben. Für diejenigen, für die eine Prävention zu spät kommt – Jungen wie Ricardo, die bereits einen Teil ihres Lebens auf der Straße verbracht haben –, gibt es die Casa. Etwa 20 ehemalige Straßenkinder wohnen zurzeit in der Einrichtung. Morgens besuchen sie staatliche Schulen, nachmittags sind sie im Taller Juconi, der so genannten Werkstatt, wo sie Plätzchen backen, Marmelade kochen und Chili-Schoten einlegen. Bis zu drei Jahre bleiben die Jugendlichen in der Casa; wer dann nicht auf eigenen Füßen stehen oder zu seinen Eltern zurückkehren kann, hat die Möglichkeit, in anderen Projekten unterzukommen.
Ricardo hat heute Dienst in der Backstube. Er holt das Blech mit den Plätzchen aus dem Ofen und stellt es zum Abkühlen ans Fenster. Aus einem großen Trog nimmt er bereits erkaltete Plätzchen, füllt damit kleine Tüten und bindet diese mit einer Schleife zu. »Unser Gebäck ist in ganz Puebla bekannt. Es wird auf den Märkten und in vielen Läden verkauft«, erzählt er stolz. »Wir kommen mit dem Backen kaum hinterher.« Für den ehemaligen Prostituierten war die Zeit in Juconi nicht einfach. »Jeder kennt die Geschichte des anderen. Als Strichjunge bist du in der Hackordnung ganz unten. Sprüche wie Das hat dir doch gefallen! sind da noch das Harmloseste.«
In zwei Wochen wird Ricardo die Casa Juconi verlassen und zu seinen Eltern zurückkehren. Sein Elternhaus ist zwar arm, aber vergleichsweise intakt: Die Eltern leben zusammen, der Vater hat Arbeit, er hat Ricardo nie misshandelt. Den zuvor abgebrochenen Kontakt zu seiner Familie hat der 15-Jährige mit Hilfe seiner Betreuer langsam wieder aufgebaut. »Ich bin soweit, dass ich nach Hause zurückkehren kann. Und mein Vater hat mir sogar angeboten, dass ich mit ihm auf dem Markt arbeite.« Ein Leben auf der Straße kommt für Ricardo nicht mehr in Frage: »Was mich dort erwartet, weiß ich.«
Blumen auf der Straße
Einfache Ziegelbauten säumen die schlammigen Straßen, die sich nach Tlaltepango hochwinden. Die heruntergekommene Vorstadt Pueblas war einst eine eigenständige bäuerliche Indio-Gemeinde, die irgendwann von der Stadt geschluckt wurde. Die Felder wurden zu Baugrund, die Menschen verloren die Grundlage ihrer Existenz. So auch die Familie Martínez. Der Vater hat schon seit vielen Jahren keinen Hof mehr. Er arbeitet als Maurer, um seine Frau und neun Kinder zu ernähren. Vero ist mit 14 Jahren die Zweitälteste. Eigentlich geht Vero in die Schule. Manchmal aber auch nicht, dann verkauft sie Blumen an den Ampeln der großen Ausfallstraße. Auch ihre jüngere Schwester war schon ein paar Mal dabei. Als Vero von den Juconi-Streetworkern angesprochen wurde, verstand sie nicht so recht, weshalb. Von dem Projekt hatte sie schon gehört, aber nie wäre sie auf die Idee gekommen, dass es sie eines Tages selber betreffen würde. »Ich helfe meiner Familie und habe selber auch mehr Geld«, meint Vero. »Was ist daran schlimm?«
»Es kommt häufig vor, dass die Jugendlichen anfangs nicht unsere Meinung teilen, was ihre Situation betrifft«, meint Eli Sotillo, die als Streetworkerin bei Juconi arbeitet. Seit zwei Monaten besucht sie mit einer Kollegin wöchentlich Veros Familie. »Die Familie ist in unserem Präventionsprogramm. Vero, aber auch ihre Schwester, betrachten wir als hochgradig gefährdet, auf der Straße zu landen«, erklärt Eli Sotillo. »Mädchen, die den ganzen Tag auf der Straße arbeiten, machen sehr schnell die Erfahrung, dass sie mehr Geld verdienen können, wenn sie ihren Körper verkaufen. Sind sie erst einmal in diesem Teufelskreis, sinken unsere Chancen, sie da wieder rauszuholen.«
Vertrauen schaffen
Das Präventionsprogramm beinhaltet unter anderem Einzel- und Gruppengespräche mit allen Familienmitgliedern, Sexualaufklärung und schulische Nachhilfe. Vero bekommt zusätzlich eine individuelle Betreuung. Manchmal auch ein bisschen mehr: Veros 15. Geburtstag steht kurz bevor, in Mexiko ein symbolischer Tag für den Übergang vom Kindes- ins Erwachsenenalter, der besonders gefeiert wird. »Ich hätte gerne Freunde eingeladen, aber wir haben kein Geld«, sagt Vero traurig. »Nicht einmal für Kuchen.« Doch Eli Sotillo und ihre Kollegin haben bereits zugesagt, den Geburtstagskuchen zu spendieren – eine gute Gelegenheit, das Vertrauen der Familie zu vertiefen und zu Vero eine stärkere Bindung aufzubauen. Mit Erfolg? »Vero kümmert sich bereits mehr um ihre Schule und hat in letzter Zeit auch nicht mehr auf der Straße Blumen verkauft«, sagt Eli Sotillo zuversichtlich. »Das ist ein sehr gutes Zeichen: Unsere Arbeit trägt schon nach kurzer Zeit Früchte.«
Niemand kann mit Gewissheit voraussagen, ob ein Kind letzten Endes auf der Straße landet oder nicht. Auch bei Vero ist das keineswegs sicher. Doch wenn auch nur geringe Anzeichen dafür sprechen, dass Vero die schlimmen Erfahrungen erwarten, die Straßenkinder wie Ricardo gemacht haben, lohnt sich die Mühe einer Prävention in jedem Fall. Es scheint jedenfalls, dass für Vero die Hilfe von Juconi keinen Tag zu früh kam.
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